Nach meiner verkürzten Etappe von gestern habe ich mir einmal eine Marschtabelle auf einen Kassazettel bis nach Moskau herstellt.

Demnach würde ich am Sonntag oder Montag im Herzen von Moskau einfahren. Auf Freitag vor Pfingsten habe ich ja jetzt meinen Flug gebucht...
So hätte ich noch Dienstag, Mittwoch und Donnerstag Zeit um mir Moskau anzuschauen.
Also packen wir es an und ich fahre mit meinem holprigen Bike wieder los Richtung Moskau und verlasse die Hauptstrasse um in die nächste Kleinstadt nach Krestzy zu kommen. Doch da gibt es weit und breit keinen Bike Shop.. also zurück auf die Hauptstrasse und weiter, in der Hoffnung, dass mein Reifen noch zusammenhält.

Alles Richtung Moskau bis nach Valday das ich gestern leider nicht mehr geschafft habe.
Irgendwie ist mir einfach mulmig, dass ich keinen Schlauch mehr als Ersatz habe. Darum stoppe ich an diesem kleinen Weiher.

Ich halte meinen Schlauch direkt ins Wasser und sehe jetzt da wo die kleinen Bläschen herkommen...von einer noch gescheuerten Stelle.

Ich klebe meinen letzten halben Flick darauf... damit ist all mein Reparaturpotential erschöpft.

Weiter geht es bis hinauf zum Horizont.. und wieder rauf und runter über die russischen Wellen.
- So nannten wir als Rennfahrer diese Hügel, die in den Rennen richtig weh taten. Denn wenn die Spitzenfahrer im Feld über den Hügel waren, gingen sie schon in die Abfahrt, während die hinteren Fahrer noch im Aufstieg waren .So mussten sie sich dann richtig plagen um dran zu bleiben. -
Über alle diese Wellen sind es jetzt auf den letzten 50 km schon 400 Höhenmeter geworden, die haben jetzt auch weh gemacht, hätte ich die gestern Abend noch fahren müssen...da wäre ich wohl noch in der Nacht gefahren.
In den Abfahrten wo es mir nie schnell genug gehen kann, muss ich auf die Bremse.. mein Bike vibriert dermaßen.. bei jedem Radumgang macht das Hinterrad einen kleinen Ausschlag, die Packtaschen quittieren das mit einem Knall und gehen in ihre Ausgangslage zurück.. sehr nervig.
Und jetzt ist fertig lustig.... wieder ist die Luft am Hinterrad weg und ich fahre auf der Felge an die Leitplanke..10 km vor meinem Ziel Valday.
Was ich schon lange befürchten muss, ist jetzt eingetroffen. .Der Schlauch muss ja richtig leiden und ist wieder durchgescheuert. Jetzt habe ich genau noch meinen geflickten Schlauch und auch nichts mehr zum Reparieren. Also jetzt wechsle ich wieder den Schlauch und wickle ihn mit dem Schlauchverband ein.
Ich überlege und denke , schön wenn mich ein Auto mitnehmen würde bis nach Valday und ich dort einen Reifen kaufen könnte.
Also versuche ich mein Glück mal mit "Auto Stop". Ist zwar nicht gerade eine ideale Position um hier anzuhalten, kaum Platz auf der Seite und auf der langen Gerade kommen alle mit Vollgas daher.. ein Lastwagen der Platz hätte kann unmöglich hier anhalten, darum suche ich mir die kleineren Lieferwagen und stehe wenn einer kommt richtig in die Straße hinaus und hebe meine Hand hoch.
Da gerade keiner kommt, hole ich mir noch eine Orange aus dem Gepäck und schäle sie und versüsse mir die Wartezeit damit. Und dann geschieht das Wunder..es hält tatsächlich einer an.
Der letzten Viertel der Orange stecke ich in die Jackentasche, möchte ja nicht mit vollem Mund meine Situation beschreiben.
Ein junger Mann steigt aus und ich zeige ihm meine Misere.. schnell begreift er meine Situation und öffnet die Hintertür von deinem Peugeot.. Alles leer und genau Platz für mein Bike .Es passt genau hinein und hält ohne anzubinden und ich darf ins schöne warme Auto einsteigen.

Es geht weiter. Wir stellen uns einander vor.. Nuba er Dimitri.. dann fragt er mich was ich hier mache und ich erkläre meine Tour von Berlin nach Moskau..

Und dann sagt er einen Satz, der mir zu nachdenken gab. -Ich fahre nach Moskau. -
Bald kommt die Ausfahrt nach Valday, dort will ich mir einen Reifen kaufen.. aber was ist, wenn es wieder keinen Bike Shop gibt? Dann stehe ich dort und dann geht es gar nicht mehr weiter?
Es gibt Gelegenheiten im Leben, die kommen nur einmal vorbei.. die musst du erkennen und annehmen. ich habe zwar gestern meine Marschtabelle genau festgelegt und habe die Zeit mit dem Bike für die restlichen 350 von 1000 km durch Russland ideal eingeteilt.
Die werde ich jetzt statt im harten Bike Sattel im bequemen Autositz erleben dürfen. Doch darüber kann ich mit meinem Ego umgehen. Dimitri, dieser Engel ist mir geschickt worden und gerne fahre ich mit ihm bis zu einem Vorort von Moskau wo er wohnt.

Viel können wir nicht reden.. ich frage ihn nach einem Job.. er erklärt mir das er zweimal in der Woche von Moskau nach St Petersburg fährt und technische Produkte transportiert. Das sind wie ich genau weiss 750 km die er in 2 Tagen hin und zurück fährt.
Also hat er auf seiner Rückfahrt mit leerem Auto mich am Strassenrand getroffen.
Meine Frage ob er in der Armee ist, verneint er und sagt das sind keine guten Leute.. dann frage ich ihn noch was er mit seiner Arbeit verdienen kann... 250000 Rubel also rund 2500 Schweizer Franken.
Auf der Strasse wiederholt sich das Bild meiner letzten 600 km und auf die kann ich eigentlich gerne verzichte..
Hier fehlt sogar der Seitenstreifen und ich müsste da in der Strasse fahren und die Lastwagen hätte ich so noch näher an meinem Ellbogen.
Schon lange fahren wir einem großen Fluss entlang... Ich schaue im Navi nach.. das ist die Wolga.

Danke Dimitri
Supper Nuba, hast es geschafft. Herzliche Gratulation.